Quelle: Youtube. https://youtu.be/tBHMzCOn2Sk

Das Erstaufnahmelager in Schweinfurt platzt aus allen Nähten. Daher müssen jetzt die Kommunen Mithilfe leisten. In Würzburg wurden bereits einige Erstaufnahmelager eingerichtet, seit dem 02.09. bietet die Kürnachtalhalle in Lengfeld vorübergehend Zuflucht für 200-300 Flüchtlinge. Diese Menschen sind jetzt meine Nachbarn.

Die Tage zuvor

Bereits seit Tagen läuft ein Sicherheitsdienst Runden um die Kürnachtalhalle, keiner weiß genau, warum. Endlich ein Nachbar, der mich aufklärt. Er fragt mich, wie ich das finde, dass hierher Flüchtlinge kommen. Bis zu 300 Menschen, ein Stadtteil wie Lengfeld sollte das locker verkraften, meint er. Ich freue mich, dass er so offen ist und keine Angst zeigt. Erwidere, dass ich das gut finde, und auch er ist erleichtert über meine Reaktion. Angesichts der Tatsache, dass etliche Flüchtlinge im Stadtteil Zellerau in einem Zelt ausharren müssen, bin ich froh, dass sie hier wenigstens ein ordentliches Dach über dem Kopf haben werden.

Bürgerversammlung am Vorabend

Der Oberbürgermeister und einige Stadträte laden zur Bürgerversammlung im ökumenischen Zentrum ein. Der kleine Saal ist berstend voll und auf der Suche nach einem Platz schnappt man den einen oder anderen Gesprächsfetzen auf. Gemischte Meinungen, gemischte Gefühle.

Endlich die ersten Worte des Bürgermeisters nach der Begrüßung. Er entschuldigt sich zunächst, warum alles so kurzfristig geschehen ist, und warum erst so spät informiert wurde. Dann die Fakten: Morgen kommen die ersten 100 Flüchtlinge an, am nächsten Tag ungefähr weitere 200. Die meisten stammen aus Syrien, einige aus Afghanistan. Also direkt aus dem Kriegsgebiet. Sie kommen aus Schweinfurt, da das dortige Aufnahmelager hoffnunglos überfüllt ist. Nach weiteren Details und einem großen Dankeschön an die Helfer, die in sehr kurzer Zeit gewaltige Aufbauarbeit geleistet haben, stellt sich das Podium den Fragen.

Die erste Meldung überrascht mich: Ein Mann fragt, ob unter den Syrern Christen sind und bietet diesen seine Hilfe über eine christliche Organisation an. Viele im Saal freuen sich wie ich über die Aufnahmebereitschaft, und doch frage ich mich, warum zwischen Christen und Muslimen unterschieden wird. Unabhängig ihrer Religion sind sie alle Geschöpfe Gottes und alle bedürfen unserer Hilfe.

Die zweite Frage drückt die Hilflosigkeit einiger Anwohner aus, die mit der Situation überfordert sind: „Wir haben Angst.“ Die Frau neben mir lacht. Meint, die Dame hätte immer Angst, egal um was es sich handelt. Dennoch eine berechtigte Frage, die der Bürgermeister beschwichtigen kann. In einer Folgefrage gestaltet sich das dann allerdings schwieriger. Eine Frau berichtet von den Problemen Mainstockheim, die mit dem Flüchtlingslager dort verbunden sind. Dort gab es Schlägereien, Pöbeleien, und Flüchtlinge, jungen Mädchen belästigt haben. (Mir sind die Probleme bekannt, denn eines dieser Mädchen ist die Tochter von Freunden von uns. Allerdings muss ich sagen, dass in diesem Fall definitiv die Behörden versagt haben. Es handelt sich hierbei um vier Männer aus Albanien, die für die Probleme verantwortlich sind. Und diese hätten rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen werden müssen.) Der Bürgermeister beruhigt und verweist auf die Security vor Ort und die Möglichkeit, die Polizei zu rufen, wie man es üblicherweise bei solchen Situationen machen sollte. Dennoch hinterlässt die Frage eine gedrückte Stimmung im Saal. Die Zweifler beginnen mehr zu zweifeln, die Befürworter sich mehr über die Gegner aufzuregen.

Dann eine Zwischenmeldung, die so bizarr ist, dass sich die Lage wieder etwas entspannt. Ein Mann berichtet zunächst von seinen regelmäßigen Besuchen im Dallenbergbad, was ja an seiner Bräune zu sehen sei. Dann darüber, dass etwa zwanzig Flüchtlinge mit einem Betreuer ins Becken gesprungen seinen, aber abgesehen vom Betreuer keiner schwimmen konnte. Angeblich sollten sie schwimmen lernen. Und wie man gedenkt, solch gefährliche Situationen zu vermeiden. Sichtlich verdutzt und mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen versucht einer im Podium den Beitrag zu verstehen und zu beantworten.

Recht spät, aber endlich kommen dann die Fragen, wie man konkret helfen könne, unterbrochen von einigen First World Problems. Denn einige, die seit 30 Jahren die Kürnachtalhalle für ihre sportliche Freizeit nutzen, fragen sich wie sie denn in den kommenden sechs bis acht Wochen ihren Sport aufrechterhalten können. An der Reaktion im Publikum zeichnet sich ab, dass die Mehrheit der Lengfelder hinter der Entscheidung des Stadtrats steht und den Flüchtlingen gegenüber positiv eingestellt ist.

Schlussendlich findet ein Mann die passenden Worte. Er erzählt, wie es in der Halle aussieht. Eine endlose Reihe Feldbetten, provisorisch mit etwas Sichtschutz voneinander abgetrennt. Kaum eine Möglichkeit für etwas Privatsphäre. Kaum ein Ort, den man einer Familie zumuten kann. Und er erinnert daran, was für Menschen hierher kommen. Menschen, die einen Krieg überlebt haben. Was sie erlebt haben müssen. Er erinnert daran, dass wir uns glücklich schätzen müssen seit 70 Jahren in Frieden leben zu dürfen. Dass unsere Probleme bedeutungslos sind in Hinblick auf das, was diese Menschen möglicherweise erdulden mussten. Dass wir in der Pflicht sind, den Menschen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Und er hofft, dass allen, die hier vorübergehend Zuflucht finden, Lengfeld immer als einen herzlichen Ort in Erinnerung behalten werden.

Spätestens nach dem tosenden Applaus ist mir klar, dass unsere Gemeinschaft in Lengfeld genau das schaffen kann. Und trotz der Freude darüber treibt es mir heute zum wiederholten Mal die Tränen in die Augen. Auch ich konnte am Nachmittag einen Blick in die Halle werfen. Dort werden alle die nächsten Wochen auf engstem Raum miteinander leben müssen. Mir ist klar, dass das für die benötigte Kapazität nicht anders möglich ist, aber der Anblick der Feldbetten hat mich nah am Wasser bauen lasen. Ein Hund im Zwinger hat in Deutschland gesetzlich Anspruch auf mehr Platz.

Ich bedanke mich bei dem Mann für seine Worte, und der Abend endet mit seiner Einladung auf ein Bier, der ich dankend nachkomme.