Endlich mal ein vernünftiger Beitrag des WDRs über das, was den Einzelnen im Netz so wertvoll macht: Daten her! Was Du im Netz wert bist…

Eigentlich wollte ich schon letzte Woche direkt nach der Sendung auf diesen Beitrag aufmerksam machen, allerdings gestaltete sich der Umgang mit der WDR Mediathek etwas schwieriger als geplant. Im Beitrag geht es unter anderem um Webtracking, also das Aufzeichnen und Auswerten von Nutzerverhalten im Internet. Ironischerweise ist die Mediathek selbst mit einigen dieser Tracker bestückt, und beim Versuch, das Video ohne das ganze Web Analytics-Geraffel zu streamen, gab es etliche Probleme.

Jetzt hat der WDR den Beitrag auf Youtube gestellt. Die benutzen selbstverständlich auch Tracker, aber wenigstens kann man das Video vernünftig ansehen, geschweige denn einbetten:

Quelle: Youtube. https://youtu.be/l_4HdqMUPsE

Was ich wirklich gut an dem Beitrag finde, ist allem voran: Es wird keine Panik gemacht! Das will heutzutage schon viel heißen. Ganz im Gegensatz zu den Vertretern der Vorratsdatenspeicherung, die mit Argumenten der Angst versuchen, den Bürger davon zu überzeugen, dass er besser behütet sei, je mehr der Staat über in Erfahrung bringen kann, versucht der Beitrag die digitale Realität mit Humor wirken zu lassen.

Diese Realität ist nicht nur auf das reine Tracking von Nutzerverhalten und Standortdaten beschränkt. Es wird anhand eines Experiments gezeigt, dass Algorithmen die Psychologie einer Zielperson annähernd genauso gut einschätzen können, wie es dessen Freunde können. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Algorithmus und Freund ist, dass sich der Algorithmus nicht auf persönliche Erfahrungswerte stützt, sondern sich auf wenige Fakten beschränkt; im Experiment sind das die „Likes“, die die Versuchspersonen auf Facebook abgeben.

Weiter berichtet wird über eine Tablet-Software, die Mimik und Stimme auswertet, und die dahinter liegende Vision des Internets als emotionalen Raum:

Die Technologie kennt Dich. Das Tablet verfolgt deine Stimmung und merkt wie du drauf bist. Und dann kann es den Inhalt persönlich auf dich abstimmen, zugeschnitten auf dein emotionales Profil. […] Also die Technik kann dich überzeugen, dein Verhalten zu ändern.

Zurück von der Vision in die Realität geht es weiter mit der Auswertung von Standortdaten. Viele Apps verdienen ihr Geld damit, Standortdaten mit anderen Daten zu korrelieren und die gewonnenen Daten zu verkaufen. Wenn man Glück hat, dann „nur“ an die Werbeindustrie oder immerhin sogar anonymisiert. Welche Folgen das hat, erläutert David Vladeck im Interview:

Wenn es nur um das Geld, nur um die Werbung gehen würde, das wäre weniger problematisch. Aber wenn es dazu übergeht, individuelle Entscheidungen über jemanden zu treffen, darüber, welche Produkte jemand zu welchem Preis und zu welchen Bedingungen bekommt, dann wird es problematisch.

Problematisch ist vor allem die digitale Realität: Je nachdem, von welchem Gerät oder sogar von welchem Ort aus ein Benutzer etwas sucht, werden ihm unterschiedliche Preise für ein und dieselbe Leistung oder dasselbe Produkt angeboten. Im Beitrag werden einige Beispiele genannt.

Welche teils bizarren Auswirkungen die Datensammelwut sonst noch mit sich bringt, wird ebenfalls anhand einiger Beispiele erläutert: Etwa die Kreditunwürdig aufgrund des Einkaufverhaltens (der Betroffene kaufte in Läden ein, in denen andere Kunden gegenüber American Express eine schlechte Zahlungsmoral hatten), oder eine nicht zu bewerkstelligende Buchung bei Airbnb, da die Kundin zu wenig Freunde auf Facebook hatte. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen… Airbnb lehnte die Buchung ab, weil die Kundin mit weniger als 100 Freunden bei Facebook praktisch für Airbnb digital nicht existierte. Die Lösung: Ein Video, in der die Kundin erklärten sollte, wer sie ist! Hallo?!? Ein Video mit Selbsterklärung! Ja wo sind wir denn? Mich würde mal interessieren, wie andere Scoring-Unternehmen mit den Umkehrschluss auswerten: Wenn Du bei Airbnb buchst, dann hast Du mehr als 100 Freunde bei Facebook. Da könnte durchaus die ein oder andere Werbung bei Facebook auftauchen…

Michael Fertik schließt den Beitrag mit ein passenden Resümee:

[…] Und es werden Entscheidungen über dich getroffen von Menschen, die du nicht kennst, von denen du nie etwas erfährst, ohne, dass du es mitbekommst.

Zum Beispiel bekommen Weiße und Schwarze in Amerika ein unterschiedliches Internet angezeigt. Sie sehen andere Dinge. Arme und reiche Menschen sehen ein anderes Internet. Das weißt du nicht, weil du dich nur in deiner eigenen Blase bewegst.

[…] Aber wir sehen unterschiedliche Internets, basierend auf den Daten, die wir im Laufe unseres Lebens hinterlassen.

Und mit einem Argument, das am Ende vielleicht doch ein wenig Panik macht:

Das aufregendste, aber auch erschreckendste Szenario für die Zukunft: Jeder Teil deines Lebens wird bewertet. […] Und alle diese Dinge werden permanent ausgewertet. Von Menschen, aber immer mehr auch von Maschinen.

Hintergrundinformationen: